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08.03.02
Kommentar
Wangerooge-Card, Ziel erreicht?
Versuch einer Zwischenbilanz
(hp)
Was bekommt man heute eigentlich noch für 511.291,88 EURO (umgerechnet:
Eine Million Mark)? Glaubt man den Kandidaten bei Günter Jauch,
setzt eine solche Summe eine Menge Wünsche frei. Will man sich
in Wangerooge ein Haus bauen oder eine größere Eigentumswohnung
kaufen, entdeckt man schnell, wie endlich eine Million sein kann.
Ca. ein Jahr nach Einführung der Wangerooge Card, deren Kosten
im Vorfeld auf ca. eine Million Mark geschätzt wurden und deren
tatsächliche Kosten wahrscheinlich wesentlich höher sind,
sei ein Blick auf das erreichte erlaubt, so wie es sich dem nicht
in die Interna des Konzepts eingeweihten Menschen zur Zeit präsentiert.
Lässt man die Lobeshymnen der Verantwortlichen einmal außer
acht, stellt sich die Situation wie folgt dar:
Anhebung
der Kurtaxehrlichkeit: Nur bedingt erreicht
An Stelle der geplanten mindestens 700.000,00 DM an zusätzlichen
Mehreinnahmen sind lediglich Mehreinnahmen in Höhe von ca.
400.000,00 DM zu verzeichnen. An Stelle von, wie versprochen, umfassender
Kurbeitragskontrolle, gibt es weiträumige Lücken im Kontrollsystem.
Trotz Zäunen und Durchgangssperren ist die Kurtaxhinterziehung
auch weiterhin ohne große Anstrengung möglich, nicht
nur im Sportboothafen, wie der Bürgermeister in seiner Neujahrsansprache
ausführte, sind Ausfälle zu verzeichnen.
"Gastfreundliche"
Kontrollen: Nur bedingt erreicht
Hin und wieder beschwerten sich früher einige Gäste über
Kontrollen der Kurkarten am Strand, auf der Promenade und bei Veranstaltungen,
die im Kurhaus stattfanden. Heute führen die Kontrollen selbst
in der gastarmen Winterzeit zu nervenden Wartezeiten bei der "Ein-
und Ausreise" von und zur Insel.
Perfektioniertes
System: Nur bedingt erreicht
Nun könnte ausgeführt werden, ein perfektes System gibt
es nicht. Einverstanden. Stellvertretend sollen hier trotzdem drei
Ereignisse angeführt werden.
·
Mit einer freigeschalteten "normalen" Wangerooge-Card
zeigt sich das rote Licht an der Sperre in Harle. Sperre geschlossen,
"Ausreise" verweigert.
· Eine, gerade auf eine Insulanerkarte gespeicherte
Fahrkarte, wird von der Sperre nicht akzeptiert. Sperre geschlossen.
"Einreise" verweigert. Bei der nachfolgenden Kontrolle
stellt sich heraus, die Karte wurde gesperrt. Die Sperrung mag
systembedingt gewesen sein, aber selbst die Kontrolleure sind
erstaunt, dass eine Fahrkarte auf eine gesperrte Karte gespeichert
werden kann.
· Eine in Harle gekaufte Rückfahrkarte wird
bei der Rückfahrt von der Sperre zwar eingezogen, allerdings
wird die Sperre nicht geöffnet. Karte weg, "Ausreise"
verweigert. Nun kommt der Fahrgast auch noch in Erklärungsnöte.
Extra
Herausgesuchte Ereignisse? Keinesfalls! Geschehen bei zwei Fahrten
innerhalb von zwei Wochen, den selben Personen. Die Aufstellung
ließe sich ohne weiteres fortführen. Nun könnte
man wiederum sagen, Fehler passieren, auch einverstanden, aber nach
ca. einem Jahr sollten bei einem so teueren System solche Macken
bereits beseitigt sein.
Unkontrollierte
"Ein- und Ausreise" für Inselbewohner: Nicht
erreicht
Trotz frühzeitiger Hinweise auf Bedenken im Datenschutzbereich
bei Insulanerfahrten, finden sich die Verantwortlichen nicht bereit
frühzeitig und somit wahrscheinlich wesentlich kostengünstiger
die Möglichkeit einer anonymen Insulaner-Card zu schaffen.
Erst massive Proteste nach Einführung der Wangerooge-Card führen
zum teilweisen Umdenken. Es wird eine anonyme Card mit Passbild
und fortlaufender Kartennummer geschaffen. Was zu situationskomischen
Begebenheiten führt, wenn einem Insulaner z.B. hinterhergerufen
wird, " Hier liegt noch die anonyme Karte Ihrer Frau,
die kann dann abgeholt werden".
Es soll Fälle gegeben haben, wo sich Insulaner eine Karte für
ihren Hund ausstellen ließen, um mit dieser Karte dann "anonym"
ans Festland fahren zu können.
Trotz gegenteiliger Behauptungen stellt sich später auch heraus,
dass ein Mitarbeiter der Gemeinde- und Kurverwaltung bei den Insulanerkarten
tatsächlich die Personendaten und die Bewegungsdaten der DB
zusammenhängend auslesen konnte, womit eigentlich eine umfassende
Personenkontrolle gewährleistet ist.
Die Frage, weshalb die Möglichkeit einer anonymen Fahrkarte
nicht von vornherein im Konzept der Beraterfirma vorgesehen war
bleibt allerdings auch weiterhin unbeantwortet.
Amortisation:
Fraglich
Errechnet und in Aussicht gestellt wurde eine Amortisation der Kosten
für die Wangerooge-Card in ca. 10 Jahren, begründet durch
erwartete Mehreinnahmen bei erhöhter Kurtaxehrlichkeit. Diese
sind dann leider doch nicht so hoch ausgefallen wie erwartet, was
natürlich auch die Frage aufwirft, waren die Insulaner und
ihre Gäste in der Vergangenheit doch ehrlicher als erwartet
oder wurden hier Zahlen einfach so günstig dargestellt, daß
das Konzept den Verantwortlichen dann auch einfacher verkauft werden
konnte? In die Berechnung nicht mit einbezogen wurde zum Beispiel
die Akzeptanzbereitschaft der Gäste für umfassende Kontrollmaßnahmen.
Es findet sich darauf auch kein frühzeitiger Hinweis der Beraterfirma,
jedenfalls kein öffentlicher. Bleibt nun nur zu erwarten, dass
die Kostendeckung durch Anpassung, sprich Erhöhung, der Kur-
und Fremdenverkehrsbeiträge erfolgen wird, was ja eigentlich
durch die Einführung der Karte vermieden werden sollte. Die
Zeichen für eine Anhebung der Beiträge sind allerdings
bereits jetzt erkennbar.
Ein
Fazit zu ziehen ist immer noch schwierig. Verdient hat bisher lediglich
die Beraterfima der Gemeinde- und Kurverwaltung. Das mag so in Ordnung
gehen, allerdings kann eben auch und gerade deshalb erwartet werden,
dass ein so teures Konzept auch irgendwann einmal reibungslos funktioniert
und zumindest einen großen Teil der vorausberechneten Einnahmeerwartungen
für die Insulaner erwirtschaftet.
Sicher konnte niemand die Auswirkungen des 11. September und die
konjunkturbedingten Ausfälle vorhersehen, nicht einmal die
sicher hochqualifizierten Berater der Gemeinde- und Kurverwaltung.
Trotzdem muß im nachhinein festgestellt werden, dass die Erwartungshaltung
der Verantwortlichen in Rat und Gemeinde zu hoch geschraubt wurde
und Sicherheitsbedenken und Gästeverhalten in den vorgelegten
Kosten- Nutzenrechnungen nur ungenügende, wenn nicht sogar
gar keine Berücksichtigung fanden, mit möglicherweise
fataler Hebelwirkung für die Kosten in den insularen Betrieben.
Der schwarze Peter bleibt in jedem Fall bei den Insulanern hängen,
denn je weniger Gäste die Insel besuchen, desto weniger Umsatz
wird in den Betrieben erwirtschaftet, desto höher wird aber
auch der Fremdenverkehrsbeitrag zur Deckung der Kosten für
die Kurverwaltung ausfallen, desto höher steigen die Kosten
und zwangläufig die Preise in den Betrieben, desto weniger
Gäste besuchen eventuell die Insel und der Kreislauf beginnt
wieder von vorn.
Um diese Spirale zu durchbrechen bedarf es im wirtschaftlichen Bereich
der Gemeinde endlich eines klaren marktwirtschaftlichen Konzepts.
Ein Weg, der sicher schwieriger zu begehen ist, als die beständige
Anpassung des Kur- und Fremdenverkehrsbeitrages. Die Zeichen für
erste Schritte in die richtige Richtung sind im "neuen"
Rat in der Tat zu entdecken, bleibt die Hoffnung, dass der Ausspruch
der SPD Ratsmitglieder, getätigt nach der Wahl, in einer Ausgabe
des Inselboten, auch in den folgenden Jahren den Verantwortlichen
immer präsent sein wird:
"Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst.".
Messen wir sie
zukünftig einfach daran!
von
Heino Plagenz
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