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1.Vors. - DEHOGA-Ortsverband-Wangerooge
Wangerooge, den 26.11.2000
Curt Hanken,
Hotel Hanken
26486 Wangerooge

Offener Brief an Arbeitsamt-Direktor Dr.Lienau:

Sehr geehrter Herr Dr.Lienau,

Ihre am 28.09. im Sozialministerium in Hannover und nun in Jeverschen
Wochenblatt vom 22.November wiederholte Äußerung, Sie hätten keine
Probleme in der Beschaffung von Mitarbeitern auf der Insel Wangerooge,
halten die Wangerooger Gastronomen für eine fatale Fehleinschätzung
der insularen Situation. Da ich Ihnen bereits in meinem Schreiben vom 29.09. mitteilte, daß diese Aussage nicht der Wahrheit entspricht, und die Mitarbeiterbeschaffung für jeden Betrieb auf der Insel das größte Problem ist, von Ihnen nicht zur Kenntnis genommen wird, wähle ich diesen Schritt an die Öffentlichkeit.

1. Problem:
Wangerooge hat die gleichen Probleme Mitarbeiter zu bekommen,
wie alle anderen Ostfriesischen Inseln: Wangerooge hat keinen ganzjährigen
Betrieb. Es gibt zum überwiegenden Teil nur befristete Arbeitsverträge.
Stundenhilfen sind nicht zu bekommen, weil fast alle Hausfrauen selber vermieten. Das Arbeitsamt Wilhelmshaven vermittelt selbstverständlich Mitarbeiter zur Insel, aber nicht genügend, weil sie auf dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen. Polnische Mitarbeiter für 3 Monate wie sie auf den anderen Inseln genehmigt werden, werden vom Arbeitsamt Wilhelmshaven abgeblockt, um die Arbeitslosen aus der Region zu schützen. Aber von 10 Nennungen von Arbeitslosen sind 9 aus den neuen Bundesgebieten, und nur einer aus der Region. Dies reicht leider immer noch nicht, um den Bedarf abzudecken, weil von 60 Nennungen 2 sich überhaupt melden, wovon vielleicht
einer (eine) wirklich kommt.

2.Problem:
Wenn man die Protokolle der Dehoga-Sitzungen der letzten
30 Jahre überfliegt, so sind immer 2 Probleme wie ein roter Faden dabei:
Die Beschaffung von Mitarbeitern und die Verbesserung der Verbindung,
ans Festland,die auch bis heute nicht zur Zufriedenheit gelöst ist.
In den 70iger Jahren wurden bis zu 150 Mitarbeiter aus Jugoslawien
auf die Insel geholt. In den 80iger Jahren waren Finnische Studentinnen auf die Insel geholt worden vom damaligen Bürgermeister Theo Jürgens per Zeitungsinserat in Finnland angeworben. Da es hübsche Mädchen waren, waren etliche als Ehefrauen hiergeblieben.
In den 90iger Jahren wurden Irische Studentinnen angeworben, der Höchst-
stand in unserem Hause betrug 19 Irische Studenten von 35 Mitarbeitern.
Dies alles zeigt, daß wir nie ohne ausländische Arbeiter existieren konnten,
und mit wir meine ich alle Ostfriesischen Inseln. Dann kam die in den letzten
5 Jahren verfolgte restriktive Politik, die Ausländer Arbeitsgenehmigungen
radikal einschränkte. Inzwischen, wo die Wirtschaftskonjunktur wieder
merkbar anzieht, wirken sich die Gesetze katastrophal für die Inseln aus.
Das Arbeitsamt kann uns nicht mit genügend Arbeitnehmern versorgen,
da sie auf dem Deutschen Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen.

3.Problem:
Das Arbeitsamt vermittelt ausländische Praktikanten, die wir gerne
nehmen, weil es nichts anderes gibt. Die Hälfte können zupacken, die andere
Hälfte träumen vor sich hin und haben Heimweh, die werden mit durchgezogen.
Für Herrn Dr.Lienau mag die Welt in Ordnung sein, er hat ja einen Mitarbeiter
auf die Insel vermittelt, aber man stelle sich eine Wangerooger Vermieterin
vor, die nur 1 Mitarbeiterin braucht. Bekommt sie eine die zupacken kann,
hat sie Glück gehabt. Bekommt sie eine verträumte, dann hat sie ein Problem.

4.Problem:
Die Praktikanten dürfen nur 3 Monate in Deutschland arbeiten.
Die Hilfen werden aber 2 Monate länger gebraucht. Kein Arbeitsloser nimmt für 2 Monate eine Beschäftigung an, da er oder sie dann seinen Anspruch auf
Arbeitslosengeld verliert. Die Folge: die Unternehmer auf den Inseln,
und hier schließe ich alle Inseln ein weil die gleiche Situation,
verlangen von ihrem geringen Mitarbeiterstamm noch mehr Stunden,
sie werden überstrapaziert, mit sehr guter Bezahlung gelockt, einschließlich
den Unternehmer-Familien, bis an die Grenze der Leistungsfähigkeit.
Nicht für mehr Gewinn, sondern um den Betrieb am Laufen zu halten
und seine Steuern bezahlen zu können. Diese Situation der "Ausbeutung"
wird gerne dem einzelnen Unternehmer vorgeworfen, doch es ist eine "Notlage", die jedes Haus treffen kann.

5.Problem:
Wir halten unseren Betrieb für solide geführt. Uns zur Seite steht
das Steuerberatungsbüro der SUB in Wittmund. Allein unser Betrieb hatte
schon 3 Razzien. Die als erste sich jedesmal vorstellen mußten waren,
unsere langjährigen und auf der ganzen Insel bekannten und geschätzten
Mitarbeiter U. Leistikow, und H. Wotapek. Später, als wir wieder schmunzeln konnten, schallte noch öfters der Ruf durchs Hotel: " Hansi, komm vorstellen!"
Beide waren urdeutsch. Meine bitterste Erfahrung mit dem Arbeitsamt war die
die Verurteilung nach der Einstellung von 5 Tschechischen Praktikantinnen.
Auf Empfehlung des Jeverschen Arbeitsamtes hatten Wangerooger Gastronomen für etwa 30 Praktikanntinnen Anträge bei der ZIHOGA
(Zentrale Arbeitsvermittlung für das Hotel- und Gaststättengewerbe )
gestellt. Diese Anträge wurden gebündelt beim Arbeitsamt Jever zur
Befürwortung und weiteren Bearbeitung eingereicht. Da in unserem Hause zufällig die höchste Anzahl eingestellt war, wurde ich im Namen des Deutschen Volkes zur Zahlung einer Geldstrafe verurteilt wegen illegaler Beschäftigung.
Was war geschehen? Für die vom Arbeitsamt vermittelten Tschechischen
Praktikantinnen, ordentlich in den Büchern geführt, hätte ich eine Arbeitserlaubnis in Wilhelmshaven beantragen müssen. Das ist wie ein Dolchstoß in den Rücken.

Fazit:
Die Arbeitsämter Wittmund und Emdenwissen um diese Problematik, und haben die Forderungder Ostfriesischen Gastronomen unterstützt, nur unser zuständiger
Arbeitsamt-Direktor von Wilhelmshaven meint sich zurücklehnen
zu können und die Augen verschließen zu können vor den Schwierigkeiten
der Insel Wangerooge. Dabei müßten ihn allein die am laufenden Band
durchgeführten Razzien und Kotrollen in den verschiedenen Betrieben
von Kamikaze-Unternehmern zu denken geben, die Indiz genug dafür sind,
daß irgendwo etwas nicht stimmt. Wer heute noch illegale Mitarbeiter
beschäftigt, sollte lieber gleich Konkurs anmelden, meine ich.

Was wäre die Lösung?
Gesetze werden beschlossen und können geändert werden bei neuen Erkenntnissen. Und genau hier setzt unsere Kritik ein. Wir können es nicht hinnehmen, wenn Politiker sagen, es sei Unternehmerrisiko, wie in der Antwort der Politiker an Frau Ortgies nachzulesen ist, die sich dankenswerter Weise unserer Probleme angenommen hat. Bei etwa 1000 Arbeitsplätzen auf der Insel Wangerooge meine ich, daß wir Unternehmer von unserem zuständigen Arbeitsamtdirektor wohl mehr Unterstützung und Förderung erwarten dürfen.

Über mehr konstruktive Zusammenarbeit zum Wohle der Mitarbeiter und der Unternehmen, in Zusammenarbeit mit allen Ostfriesischen Inseln und allen dazu gehörigen Arbeitsämtern, da gleiche Probleme, müßte die dringend nötige Verbesserung der Beschaffung von Mitarbeitern zu erreichen sein.

Mit freundlichen Grüßen
Curt Hanken
1. Vorsitzender der DEHOGA Ortsgruppe Wangerooge


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