DER STRANDVOGT
VON WANGEROOGE
Sechs Kisten Apfelsinen
Als ich Heini Rüssmann das erste mal bewußt wahrnahm war ich
etwa sieben und er schon weit über neunzig.
Seinen Namen hatte ich schon oft gehört. Und immer sprach
meine Mutter in diesem ehrfurchtsvollen Ton von ihm, den Erwachsene
immer dann anzuschlagen pflegen, wenn sie über eine Amtsperson
oder über wichtige Persönlichkeiten sprechen, die anderen
"etwas zu sagen" haben.
Heini Rüssmann war der Strandvogt von Wangerooge. Und wenn
ich meiner Mutter glauben durfte, nach dem Bundespräsidenten,
dem Bürgermeister und dem Schulleiter die wichtigste Person
überhaupt. Wenn die Flut etwas Wertvolles an den Strand gespült
hatte, dann hatten ihm auch diese drei nicht reinzureden.
Über den Strand, das was auf ihm lag und dessen Verwendung
hatte Heini Rüssmann ganz allein zu bestimmen. Das war das
Besondere an ihm und flößte mir einen heiden Respekt ein.
Für mich waren die Geschichten, die sich um ihn rankten oftmals
Futter für meine kindliche Phantasie. Heini Rüssmann war für
mich eben immer nur der Strandvogt von Wangerooge.
Ob das was mir damals über ihn erzählt wurde nun immer alles
stimmte oder nicht, weiß ich natürlich nicht und einiges habe
ich selbstverständlich auch dazu erfunden.
Diejenigen, die Heinrich Rüstmann also noch kannten, mögen
mir verzeihen, daß die von mir erzählte Geschichte sich so
wohl nie ereignet hat und jede Ähnlichkeit mit dem verstorbenen
Strandvogt und anderen Personen rein zufällig wäre.
Es war also einmal zu der Zeit, als die Insulaner ihre Türen
noch unverschlossen ließen wenn sie aus dem Hause gingen,
daß Heini Rüssmann auf seiner täglichen Inspektionsrunde sechs
Holzkisten in einem Priel schwimmen sah. Er watete in das
Wasser und zog eine der Kisten auf den Sand.
"JAFFA" war mit großen Lettern in das Kistenholz gebrannt.
Durch die Latten konnte Heini große reife orangefarbene Apfelsinen
ausmachen.
Er zog eine Kiste nach der anderen auf das Trockene, stapelte
sie aufeinander und steckte sein Siegel, zwei Strandholzlatten
überkreuz, davor in den Sand. Diese Apfelsinenkisten waren
somit von Amts wegen in Beschlag genommen.
Nach seinem Rundgang meldete er den Fund auf der Gemeinde
und beauftragte zwei Strandwärter die Kisten in einen Schuppen
neben dem Freibad zu verbringen, wo Heini alle seine Fundstücke
aufbewahrte, bis er über deren Verwendung entschieden hatte.
Nun sprach sich auf der Insel schnell herum, was Heini da
unten gefunden hatte und in einer Zeit, in der Bananen, Mandarinen,
Orangen und Ananas die einzigen exotischen Südfrüchte waren
und Kiwi und Papayas erst 50 Jahre später Deutschland erobern
sollten, waren sechs Kisten JAFFA Apfelsinen schon eine kleine
Sensation.
Als Heini nun zu Hause ankam, empfing ihn seine Frau mit den
Worten:
"Du hast Apfelsinen gefunden?"
"Jau", Heini war von Haus aus kein Freund vieler Worte und,
daß seine Frau schon um den Fund wußte, ärgerte ihn ein bißchen,
so daß er noch wortkarger als gewöhnlich war. Er setzte sich
an den Küchentisch und zog seine Gummistiefel aus.
"Hast Du welche mitgebracht?"
Heini brummte nur und schleuderte die Stiefel in die Ecke.
"Was ist nun", ließ seine Frau nicht locker, "hast Du?"
"Nee" knurrte Heini," de blifft dor boben liggen, dor geiht
me keeneen bi."
"Nun hab Dich man nicht so, zwei drei Stück hättest Du ja
mitbringen können."
Aber Heini antwortete nicht mehr. Er hatte seine Aufmerksamkeit
längst der jüngsten Ausgabe des Wangerooger Inselboten gewidmet.
Am Nachmittag kam wie zufällig Wilhelm vorbei, natürlich nur
um sich nach dem Gesundheitsstand von Heinis Hühnern zu erkundigen,
die seinen Krämerladen täglich mit frischen Wangerooger Eiern
versorgten. Ganz nebenbei fiel das Wort "Apfelsinen" und ganz
nebenbei wollte Wilhelm auch nur wissen, was denn nun mit
den sechs Kisten Apfelsinen geschehen sollte und Heini mußte
fünfzehn Minuten lang Wilhelms Vortrag über die Verderblichkeit
von Lebensmitteln und insbesondere die von Südfrüchten über
sich ergehen lassen.
"De blifft dor boben liggen," war Heinis einziger Kommentar.
Und auch Wilhelms Einwände, daß es doch zu schade sei die
gute Ware dort oben im Gemeindeschuppen vergammeln zu lassen,
anstatt diese unter den Wangeroogern zu verteilen, konnten
Heini nicht umstimmen.
In den darauffolgenden Tagen sorgten zwei Ereignisse für eine
Menge Unruhe und Gesprächsstoff auf der Insel. Zum einen,
daß sechs Kisten Apfelsinen aus dem Gemeindeschuppen verschwunden
waren, wobei nie geklärt werden konnte, wer diese entwendet
hatte. Und zum anderen, daß unserem Apotheker die Kohletabletten
ausgingen und unser gutmütiger Inseldoktor Siemens wieder
einmal tief in seine Kräuterkiste greifen mußte um eine epidemieartig
ansteigende, geheimnisvolle Brech-Durchfallerkrankung in den
Griff zu bekommen.
Nun, Heini war das eigentlich alles egal, die Apfelsinen hätten
ohnehin vernichtet werden sollen, denn eins war ihm von Anfang
an klar gewesen, auch Apfelsinnen werden ungenießbar wenn
sie lange im salzigen Meerwasser schwimmen und daß einem schon
mal ordentlich übel werden kann wenn man Meerwasser verschluckt,
daß wußte ja wohl jeder.
Bleibt noch nachzutragen, daß sich auch Heinis Frau einige
Tage lang nicht weiter als zehn Schritte vom Klo entfernen
wollte, was sich als etwas umständlich erwies, da sich das
Rüssmansche Klo hinten auf dem Hof neben der Waschküche befand
und die Zeit oftmals sehr knapp wurde um die Distanz zwischen
Haus und Klo einigermaßen würdevoll hinter sich zu bringen.
von Heino Plagenz
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