Aus dem Buch "Wangerooge Moin, moin!" von Hans-Jürgen Forster
DER FREVEL
Es ist ein sommerlich warmer Juni-Sonnentag.
Viel zu schön, um die Mittagszeit im Essens- oder Zigarettendunst
eines künstlich beleuchteten und überfüllten Speiselokals
zu vertrödeln oder gar selbst zu kochen.
So kaufe ich mir in der "Börse" eine Cola, ein halbes Hähnchen
und eine Portion Pommes Frites mit Mayonaise, stopfe alles
in eine große Tragetüte und setze mich an eine windgeschützte
Stelle nehe eines Dünenüberganges in den warmen Sand. Dort
breite ich meine Papiertasche wie ein Tischtuch aus und verteile
darauf mein Festmenue.
Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, als ich dem appetitlich
duftenden Geflügel den knusprig-braunen Schenkel ausreiße.
Plötzlich steht vor mir ein fusselsträhnig-vollbärtiger Mann
mit schwarzgrünen Gummistiefeln, dunkelgrüner Cordhose , olivgrünem
Parka und einem graugrünen Fernglas in der Größe eines Zwillingsgeschützes
auf der Brust. Er nestelt aus einem blaßgrünen Juterucksack
einen maigrünen Ausweis hervor und hält ihn mir unter die
Nase:
"Ich bin vom Naturschutzbund. Darf ich fragen, was Sie hier
tun?" erkundigt er sich mit amtlicher Mine.
"Mittagessen. Ist das verboten?" muffele ich mit vollem Mund.
"Das nicht. Mich interessiert vor allem, was Sie hier essen!"
"Lederflugzeug mit Pommes-Mayo," nuschele ich schnoddrig nach
einem kräftigen Zug aus meiner Cola-Dose. "Auch Hunger?"
"Ich muß Sie darauf hinweisen, daß vor allem im Mai und Juni
Brutzeit ist und die Vogelwelt jetzt einen ganz besonderen
Schutz genießt. Brutgeschäft und Aufzucht der Jungen ist in
vollem Gange, und Sie sitzen hier und essen V ö g e l! Sind
Sie sich darüber im klaren, daß Sie sich damit strafbar machen?"
Der Fusselbärtige hebt anklagend seine Stimme.
"Ich esse H ä h n c h e n , Mann, genau gesagt, ein h a l
b e s ! Was soll denn daran frevelhaft sein?" Vermutlich geht
die Tierliebe dieses Mannes so weit, daß er beim Schreiben
in wörtlicher Rede sogar auf Gänsefüßchen verzichtet.
"Nun werden Sie nicht spitzfindig, mein Herr. Ist der Gallus
etwa kein Vogel? Stellen Sie sich vor, dieses treusorgende
Tier wäre seinen schutzlosen Küken entrissen worden. Und es
verschlimmert die Angelegenheit, daß Sie es auch noch verstümmelt
haben."
"Was habe ich?" - Allmählich werde ich ungehalten, denn während
mich der Vogelfreund mit seinen Vorhaltungen vom Essen abhält,
ist nicht nur mein Flattermann kalt und seine Haut welk, sondern
die Friten unter der Mayonnaise auch noch matschig geworden.
"Ich habe das Tier weder gefangen noch exekutiert, weder gerupft
noch ausgenommen, weder gegrillt noch halbiert und damit verstümmelt,
wie Sie mir vorzuwerfen belieben. Ich habe es mir gerade eben
in der -Börse - besorgt. Und dort lag es auch bereits zerteilt
auf dem Blech."
"Also auch noch Hehlerei von diesen bedauernswerten Kreaturen",
entrüstet sich der Grünspecht. Da kommt ja einiges für Sie
zusammen. Der Gesetzgeber sagt: Wer Federtiere totmacht oder
zerteilt oder totgemachte oder zerteilte sich verschafft und
in Verzehr bringt, wird zu Freiheitsstrafe nicht unter zwei
Jahren verurteilt. Geben Sie mir also bitte Ihre Personalien.
Der Vogel oder das, was Sie davon noch übrig gelassen haben,
ist als Beweismittel beschlagnahmt. Die Beilagen können Sie
meinetwegen aufessen."-
Schweißgebadet, schreiend und wild um mich schlagend erwache
ich, war dies eben ein Traum oder bittere Wirklichkeit? Ich
bin völlig verunsichert.
Für alle Fälle werde ich von meinen Vorhaben, morgen Putenschnitzel
zu braten, absehen. Ich denke, ich werde zur Abwechslung mal
Leberkäse mit Kartoffelsalat essen. Und dazu brate ich mir
zwei schöne große dottergelbe Spiegel - - Oh, Gott, nein,
nein!!!
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