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DER STRANDVOGT VON WANGEROOGE
Stille Nacht

Heini genoss die Stunden seiner täglichen Inspektionsrundgänge am Strand. Es war ihm egal, ob Sommer oder Winter war. Hier beim Rauschen des Meeres und dem stetigen Wind konnte er ungestört seinen Gedanken nachhängen und er war davon überzeugt, er wäre ein großer Philosoph geworden, wenn es ihn nicht zum Strandvogt berufen hätte.
Die Insulaner glaubten allerdings zu wissen, dass Heini seine Spaziergänge nur deshalb so lang ausdehnte um dem ständigen Geplapper seiner Angetrauten zu entgehen. Anneliese war dafür berühmt niemanden zu Wort kommen zu lassen. Und so wie Gegensätze sich anziehen, so hatten sich der ruhige und bedächtige Heini und die quirlige, ständig plappernde Anneliese Anno 1879 gefunden und lieben gelernt.
Eine Sache mochte Heini nun allerdings nicht so besonders und das war, daß er ausgerechnet am Nachmittag des heiligen Abends zum Westturm hinausgehen mußte, um Kerzen in die Fenster des Turmes zu stellen, als Zeichen dafür, dass die Wangerooger den auf See gebliebenen Menschen, den verschollenen Seefahrern und den Insulanern gedachten, die die See ihnen genommen hatte.
Über der Insel lag jene geschäftige Spannung, die spürbar ist, wenn Eltern den Tannenbaum schmücken und die Kinder unruhig in der Kirche das Ende des Gottesdienstes erwarten, ein letztes schnelles "Amen" flüstern, um dann endlich nach Hause laufen zu können, wo sie dann die Geschenke erwarten, von denen die Eltern glaubten, dass sie sie bis zum Heiligen Abend gut vor ihnen versteckt gehalten hätten.

Als Heini durch das Dorf ging roch es nach Braten und Glühwein und er wünschte sich zu Hause in der warmen Küche zu sitzen, anstatt hier durch die nachmittägliche Dämmerung zu laufen. Niemand war auf den Strassen und so war es nicht verwunderlich, dass Heini auf seinem Gang zum Westende der Insel auch keiner Menschenseele begegnete.
Tief standen die dunkelgrauen Wolken am Himmel und Heini konnte den Schnee förmlich riechen, den es bald geben würde. Er hoffte nur, dass der Himmel mit der Entladung der Schneelast so lange warten würde, bis er wieder zu Hause angekommen war. Es war im Moment allerdings fast windstill und das machte diesen ungeliebten Gang fast schon wieder angenehm.
Am Westturm angekommen öffnete er das große Vorhängschloss, hob den eisernen Riegel aus seiner Verankerung und schob den großen, schweren Schlüssel in das Türschloss. Mit einiger Anstrengung schloss er zweimal um und die schwere, große hölzerne Tür knarrte in ihren Angeln. Heini zog sie soweit auf, dass er hindurchschlüpfen konnte, nahm die Petroleumlampe aus der Nische neben der Tür und entzündetet den Docht. Im fahlen Schein der Lampe tappte er zu der großen Treppe, die in die oberen Stockwerke des Turmes führte.
Draußen klatsche die Brandung träge an das steinerne Rondell, auf dem der Westturm stand. Im Innern hörte Heini nur den Widerhall seiner Stiefel auf der hölzernen Treppe. Hier in dem alten Gemäuer war es zugig und kalt und Heini beeilte sich in den ehemaligen Kirchenraum zu gelangen, wo die armdicken Kerzen lagen, von denen er in die vier Himmelsrichtungen jeweils eine in ein Fenster stellen sollte. Eine brennende Kerze in der Hand öffnete er ein Fenster zur See und schaute in der zunehmenden Dämmerung über das Wasser zum Horizont. Es hatte ein wenig zu schneien begonnen aber die See war ruhig und träge. In der Ferne zogen die Lichter eines Schiffes vorbei. Heini vermochte allerdings nicht zu sagen, ob es ein Segelschiff war oder einer von den neuen Schraubendampfern, dazu war es einfach schon zu dunkel. Gerade als er das Fenster wieder schließen wollte verspürte er einen kräftigen Ruck und der Riegel wurde ihm aus der Hand gerissen. Ein starker Wind schlug den Rahmen scheppernd gegen die Mauer und die Kerze in seiner Hand verlosch. Ein Schwall Schneeflocken flog durchs Fenster und in kürzester Zeit bildete sich ein kleiner Schneehaufen zu seinen Füßen. Das hölzerne Eingangstor schlug dröhnend zu und Heini hörte wie der eiserne Riegel in die Halterung krachte.

Einen Moment lang stand er reglos da während der Schnee bereits seine Stiefel bedeckte. Erst das laute Scheppern des Fensters brachte ihn wieder zur Besinnung. Er brauchte einige Kraft um es zu schließen, wobei er wegen des Schnees auf dem Boden immer wieder ausrutschte. Nachdem er es endlich geschafft hatte nahm Heini die Petroleumlampe vom Boden auf und stolperte die Treppe hinunter. Mit aller Macht stemmte er sich gegen das große Eingangstor, aber es gelang ihm nicht dieses auch nur einen Zentimeter zu öffnen. Heini wusste, dass sich im Erdgeschoss des Turmes keine Fenster befanden und somit hatte er auch keine Möglichkeit mühelos nach draußen zu gelangen.
Er stieg die Treppe bis zum zweiten Stockwerk hinauf und öffnete eines der Fenster nach Süden. Schließlich würde er sich immer noch durch rufen oder schwenken der Laterne in den nahegelegenen Häusern bemerkbar machen können. Johann, Hubert oder einer der anderen würde ihn dann schon sehen. Heini selbst sah jedoch nichts weiter als Dunkelheit und heftiges Schneetreiben. Die großen weißen Flocken tanzten in dem böigen Sturm, klatschten gegen die Mauer und in sein Gesicht. Schnell schloss Heini das Fenster wieder. Wie war es möglich, dass so plötzlich ein so heftiger Schneesturm aufkommen konnte, so etwas hatte er noch nicht erlebt.
Er durchquerte den ehemaligen Kirchenraum und ging bis zu der Stelle, wo einmal der Altar vor der hölzernen Kanzel gestanden hatte. In einer Ecke lagen noch einige Sachen, die Heini auf seinen Strandrundgängen gefunden hatte und nicht erst bis ins Dorf mitschleppen, sondern später gesammelt mit dem Fuhrwerk abholen wollte. Er rollte ein paar grüne gläserne Treibnetzschwimmer beiseite und suchte nach dem langen Tampen, den er erst vor wenigen Tagen am Strand gefunden hatte. Vielleicht war es ihm möglich das Tau irgendwo zu befestigen und sich auf der windabgekehrten Seite des Turmes die sechs Meter bis zum Strand hinunter zu lassen. Er konnte das Tauwerk aber nirgendwo entdecken und als er eine alte Kiste zur Seite zog, huschten zwei Ratten hinter eine der zurückgelassenen Kirchenbänke. Normalerweise fürchtete sich Heini nicht vor Ratten, aber in diesem Moment erschreckte er sich so, dass er sich ruckartig aufrichtete und mit dem Kopf des Regal über ihm aus der Halterung stieß. Polternd krachte es zu Boden und sein Inhalt verstreute sich scheppernd in alle Richtungen. Eine Flasche rollte über den Boden und stieß klirrend gegen die Mauer.
Heini konnte das Horn schon spüren, welches ihm morgen auf der Schädeldecke wachsen würde und rieb sich fluchend den Kopf. Langsam ging er zu der Flasche und hob sie auf. Das Etikett war von der Feuchtigkeit schon arg zerfressen, nur die Zahl 1863 war eben noch zu lesen. Er hielt die Flasche gegen das Licht der Laterne, konnte aber durch das grüne Glas nicht ausmachen wie der Inhalt aussah. Der Flaschenhals war unversehrt und mit rotem Wachs verschlossen.
Heini ließ sich auf eine der Bänke nieder und stellt die Flasche neben sich. Was er jetzt am dringendsten brauchte war eine schöne Pfeife Tabak, um sich eine anzuzünden und in aller Ruhe über seine Situation nachzudenken. Natürlich hatte er keine Pfeife und auch keinen Tabak mitgenommen und so fügte er sich traurig in sein Schicksal. Das Licht der Petroleumlampe flackerte und Heini sah, dass der Docht bis auf einen kleinen Rest schon heruntergebrannt war. In die abgesperrte Kammer mit dem Petroleum konnte er nicht gelangen, denn er hatte nicht das große, schwere Schlüsselbund für alle Türen mitgenommen, sondern nur den Schlüssel für die Eingangstür, der allein schon eineinhalb Pfund wog.

Heini stülpte einen alten Eiseneimer um und entzündete eine der dicken Kerzen, die er mit flüssigen Wachs auf dem Eimer befestigte. Er musste das Beste aus seiner Situation machen. Er holte sein altes Klappmesser aus der Hosentasche und schnitt das Wachs vom Flaschenhals ab. Wenn der Inhalt der Flasche genießbar war, dann hatte er wenigstens etwas zu trinken, bis sie ihn aus seinem Gefängnis befreien würden, denn lange konnte es nicht mehr dauern, bis er vermisst wurde. Mit dem Daumen drückte er vorsichtig den Korken nach innen und rote Tropfen spritzten auf seine Hand. Heini leckte sie ab und ein leicht bittersüsser, scharfer Geschmack von Rotwein weckte alle seine Sinne.
Es war kalt im Turm, Heini stülpte den Kragen seiner Wolljacke nach oben und zog die Schultern hoch. Etwas knisterte in der linken Tasche seiner Jacke und als Heini die Hand wieder hervorzog hielt er den Papierbeutel in der Hand, den ihm die kleine Maria heute morgen kichernd mit einem schönen Gruß von der Mutter in die Hand gedrückt hatte. Er schüttelte den Inhalt der Tüte in den Schoß. Fünf Stücke Pfeffernüsse auf Oblaten gebacken lagen da vor ihm. Er steckte eines davon in den Mund und spülte es mit einem kräftigen Schluck aus der Flasche hinunter. Der plötzliche scharfe Geschmack des Alkohols reizte seine Kehle so sehr, dass er ein paar mal prustend hustete. Aber dann glitt der Alkohol angenehm die Kehle hinunter und eine wohlige Wärme breitet sich in seinem Magen aus.
Er sah hoch zum Fenster und sein Blick streifte die Stelle, an der das große hölzerner Jesus-Kreuz einen Abdruck hinterlassen hatte. Stille Nacht, heilige Nacht, dachte Heini und er verzog die Lippen zu einem Lächeln. Er war nie ein gläubiger Mensch gewesen, für ihn war eher die sanfte und manchmal rauhe Natur in ihrer Harmonie göttlich, die er auf seinen täglichen Gängen am Strand erleben konnte. Aber irgendwie erinnerte ihn die Tatsache, dass er hier in der heiligen Nacht, in dem einst geweihten Raum auf der harten Kirchenbank saß, auf der unzählige Gläubige ihre Gebete zum Himmel gesandt hatten, daran, daß es eben auch Dingen zwischen Himmel und Erden gab, die nicht einmal seine Frau Anneliese in Worte fassen konnte. Es fehlte nur noch, dass die heiligen drei Könige zur Tür hereinspaziert kamen.

Heini hatte inzwichen alle Pfeffernüsse gegessen und fast den gesamten Inhalt der Flasche ausgetrunken, als er merkte, dass ihn das Getränk nicht nur wärmte, sondern auch ordentlich zu Kopf stieg. Er erhob sich, wankte über die Treppe in den zweiten Stock und öffnete ein Fenster. Die frische Luft würde den vernebelten Kopf schon wieder klarer werden lassen. Es schneite nicht mehr und der Wind hatte auch nachgelassen. Aber irgendwie konnte er den Nebel in seinem Kopf nicht vertreiben, was wohl daran lag, dass er die letzte richtige Mahlzeit am Morgen zu sich genommen hatte. In der Ferne blinkten die Lichter des Wangerooger Leuchtturmes in ihrem immer wiederkehrenden Rhythmus. Darunter tanzten drei helle Lichter in der Dunkelheit, die Heini nicht zu identifizieren vermochte. Langsam verschwommen alle Konturen und Heini dachte, dass es wohl besser wäre wenn er sich wieder nach unten begeben würde, um sich wieder hinzusetzen. Er schloss das Fenster und stolperte die Treppe hinunter. Bei der Flasche angekommen nahm er den letzten Schluck und rülpste leise. In einer Ecke lagen noch alte Segeltücher aufeinandergestapelt. Heini legte sich darauf und zog eine Ecke des schweren Tuchs über seine Beine. Er hatte nicht mehr die Kraft es bis zur Schulter hinaufzuziehen, denn er war in diesem Moment schon fest eingeschlafen.
So fanden sie ihn dann auch eine halbe Stunde später, leise schnarchend unter der Empore, auf der ehemals die Kirchenorgel gestanden hatte. An einer Leine hing von oben herab das aufgerollte Tauwerk, das Heini zuvor vergeblich gesucht hatte. Im flackernden Schein der Kerze hing der Schatten des Tampens wie ein Heiligenschein über Heinis schlafendem Kopf. Und wenn die drei Männer, die jetzt den Raum betraten Kaspar, Balthasar und Melchior geheißen hätten, dann wäre dies hier wohl eine zu perfekte Weihnachtsgeschichte......!

Es war aber vielmehr so, dass Heinis Frau Anneliese bei Ruth auf ein weihnachtliches Schwätzchen hereingeschaut hatte und Ruths vergebliche Versuche Annelieses Redeschwall mit mehreren Gläsern Glühwein zu stoppen, hatten sie die Zeit vergessen lassen. Eine ganze Reihe von Stunden und jede Menge Katsch und Tratsch später, vekündete Anneliese dann, dass sie jetzt aber dann doch gehen müsse, so sehr sie es auch genossen hätte Ruths kurzweiligem Geplapper zuzuhören, aber Heini müsse wohl bald von seinem Gang zum Westturm wieder zurück sein.
Glückselig und einigermaßen berauscht vom Glühwein stellte Anneleise, zu Hause angekommen, jedoch fest, dass im ganzen Haus kein Licht brannte und wähnte Heini bereits schlafend in seinem Bett. Sie zog sich nicht erst lange aus, ließ sich träge ins Bett plumpsen und war bald darauf schon fest eingeschlafen.
Gerrit, Ruths Mann, liebte es durch den stillen nächtlichen Ort zum Strand hinauf zu schlendern um auf das nächtliche Meer zu sehen und die Ruhe zu genießen. Heute war es doppelt so schön, zum einen, weil er Annelieses stundenlanges Geschnatter hatte ertragen müssen und zum anderen weil es kurz vorher noch geschneit hatte. Auf der Düne angekommen fiel sein Blick wie immer zuerst zum Westturm und er erwartete, wie immer am heiligen Abend, die von den Kerzen erleuchteten Fenster des Turmes zu sehen. Da dies aber merkwürdiger Weise nicht der Fall war, lief er schnurstracks zu Heinis Haus und fand Anneliese schlafend im Bett vor. Von Heini allerdings keine Spur. Schlimmes ahnend holte er Peter und Frerk und sie marschierten zu dritt im Schein ihrer Petroleumlampen zu Westturm.

Sie sahen sofort, dass der Riegel zwar zugefallen, das Vorhängeschloss aber unverschlossen war. Sie packten den schlafenden Heini, der nur ein wenig ungehalten brummte in den Krankentransportkorb, den sie vorsorglich mitgebracht hatten und schoben den zweirädrigen Karren über den Backsteinweg zum Ort. Der alte Inseldoktor diagnostizierte angesichts der mächtige Fahne die Heini umwehte, zu großen Alkoholkonsum und oberhalb der Stirn eine blauschwarze Schwellung, die mit kalten Umschlägen behandelt werden müsse. Aber sonst wäre Heini bei bester Gesundheit.
Als Heini nun am nächsten Morgen erwachte, wusste er im ersten Moment nicht so recht wo er war, seine pelzige Zunge und sein brummender Schädel brachten ihm aber schnell die Erinnerung zurück. Seine Beule betastend schlurfte er in die Küche, in der Anneliese am Tisch saß und sich mit beiden Händen den Kopf hielt. Irgendwie hatte Ruth es nun doch noch geschafft ihr Plappermaul zum Stillstand zu bringen.
"Fröhliche Weihnachten" murmelte Heini, aber Anneliese schüttelte nur ganz vorsichtig den Kopf und brummte irgendetwas, das sich wie "Sei bloß ruhig" anhörte.
Gott sei dank, dachte Heini, dann hab ich ja doch noch eine "Stille Nacht" heute morgen.

Merkwürdig war nur, dass es auf der Insel wohl geschneit hatte, von einem Schneesturm aber hatte, außer Heini, niemand etwas gemerkt.

Heino Plagenz 1999
  

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