Gedankenexperiment
Gestern abend wurde die Rentnerin Gerda M. auf dem Nachhauseweg überfallen
und ausgeraubt. Der Täter versuchte, ihr die Handtasche zu entreissen.
Als sie sich wehrte, schlug er sie mit einem stumpfen Gegenstand nieder,verletzte
sie dabei schwer und flüchtete mit der Tasche. Die Beute betrug 3,50
DM.
Was denken Sie jetzt?
Die meisten, mit denen man über die Tat spricht, sagten spontan. "Für
drei Mark fünfzig!"
Haben Sie das auch gedacht?
In einem Abteil des Intercity von Hamburg nach Baden-Baden wurde die
Leiche von Helga S. gefunden. Die Frau war erdrosselt, ihr Gepäck
aufgebrochen und durchwühlt. Die Polizei vermutet einen Raubmord.
Nach Angaben von Angehörigen fehlen 160.000 DM Bargeld und Schmuck
im Wert von fast einer halben Million.
"Wie kann man nur soviel Geld und Schmuck mit sich rumschleppen!"
War das auch Ihr erster Gedanke?
So also funktionier das gesunde Volksempfinden! Ganz spontan und unhinterfragt
hat man eine Meinung. Hinterfragt man doch, kommt seltsames zu Tage.
Wie kann man einen Menschen für dreimarkfünfzig erschlagen. Die arme
alte Frau - der blöde Verbrecher. Das lohnt sich doch nicht.
Wie kann man aber auch soviel..... Da fordert man das Unglück ja auch
heraus. Da ist man aber auch selber schuld.
Und nun noch um die nächste Ecke gedacht: Wieviel Geld und Schmuck
muss das das Opfer bei sich haben, damit alles in Ordnung ist? Irgendwo
zwischen einer halben Million und 3,50 DM muss es einen Betrag geben,
bei dem wir billigen was geschieht. Bei dem wir sagen: "OK, soviel
kann man schon mal bei sich haben." Und auch: "Ja, dafür lohnt es
sich schon, mal hinzulangen und die Strafe zu riskieren."
Irgendwas stimmt da aber nicht. Die Logik?
von Walter Dressel