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DIE STURMFLUT
Kurt
Kurt zog das große eiserne Tor zu sich heran, bis es zitternd
ins Schloß fiel, drehte dann zweimal den Schlüssel herum
und zog ihn ab. Der Unimog war sicher in der Halle untergebracht
und es wurde jetzt sehr schnell dunkel. Seit drei Tagen
blies ein starker Nordwest Sturm, der sich seit gestern
Nacht zu einem Orkan entwickelt hatte und der das Wasser
daran hinderte bei Ebbe wieder aus dem Watt abzufließen.
Er hatte den ganzen Tag über den Westdeich und das seeseitige
Deckwerk kontrolliert. Die Tore in den Deichscharts waren
schon seit gestern früh geschlossen.
Hamburg hatte Sturmflutwarnung ausgegeben, denn die Elbe
stand seit 36 Stunden zwei Meter über Normal und stieg stetig
weiter an, die unteren Hafenanlagen waren bereits überschwemmt.
Kurt war froh, daß er jetzt den Wind im Rücken hatte. Er
schwang sich auf sein Fahrrad und freute sich schon auf
das erste Bier im Krug. Sturmfluten hatte Wangerooge schon
so oft erlebt und der Ringdeich ums Dorf war erst vor einigen
Jahren verbessert worden. Kein Grund also sich allzu große
Sorgen zu machen.
Als er den Krug betrat schlug ihm die rauchige Wärme verbrauchter
Luft entgegen und der Wirt gab ihm wortlos ein Bier. Hierher
kam er oft nach Feierabend, da bedurfte es nicht mehr vieler
Worte. Kurt hatte sich gerade an den Stammtisch gesetzt
und den ersten Schluck genußvoll über die Zunge gleiten
lassen, als Hinrich hereingestürzt kam. Aus seinen Gummistiefel
spritze bei jedem Schritt Wasser und seine Hose war bis
zu den Hüften klatschnaß.
Es muß wohl regnen war Kurts erster Gedanke aber er verwarf
ihn ebenso schnell wieder wie er gekommen war, draußen war
ja strahlend heller Vollmond.
Hinrich prustete, wobei sein Atem die Wassertropfen in feinem
Nebel aus seinem Bart fegte.
"Der Deich ist gebrochen," stieß er atemlos hervor, "das
Wasser steht schon in der Siedlerstraße."
Einen langen Moment lang war nichts weiter zu hören als
das Rauschen der Bierkühlanlage und es kam Kurt unwirklich
vor was hier gerade geschah.
"Welcher Deich ?" fragte Heini
"Der Deich im Ostgroden," pustete Hinrich " in der Kugelbake
steht das Wasser schon einen halben Meter hoch."
Kurt setze sein Bierglas so hart auf den Tisch zurück, daß
der Glasfuß klirrend abbrach und zu Boden fiel. Das brachte
ihn sofort wieder zur Besinnung. Er mußte nach Hause, Vater
Friedrich war allein zu Haus und wenn das stimmte was Hinrich
da erzählte, dann war das Wasser bestimmt schon am Haus,
wenn nicht sogar schon drinnen im Haus.
Er riß seine Jacke vom Garderobenhaken, setzte sich seine
Strickmütze auf und stürmte nach draußen. Hinter dem Bahnübergang
sah er, daß die Siedlerstraße tatsächlich schon fast ganz
unter Wasser lag. Er stieg in die Pedale und rauschte durch
die Pfützen. Am Flugplatz wurde die Straße dann wieder etwas
trockener. Der Weg zum Osten war gerade noch passierbar
und als Kurt zu Hause ankam sah er, daß das Wasser bereits
bis zur unteren Kante der Festersimmse stand.
Er ließ sein Fahrrad am Deich liegen und watete zur Eingangstür.
Er hörte wie die Kuh im Schuppen an der Kette zerrte. Drei
seiner Hühner hatten sich bereits auf das Hausdach gerettet
und balancierten auf der rutschigen Dachpappe gegen den
Wind. Zwischen dem Pfeifen des Windes hörte er irgendwo
da draußen das Quaken seiner Gänse.
Die Tür ließ sich nicht öffnen und Kurt war schon in Versuchung
eines der Fenster einzuschlagen, als ihm einfiel, der Alte
könnte die Tür abgeschlossen haben, vielleicht in der Hoffnung
dem Wasser so den Zutritt zum Haus zu versperren. Mit klammen
Fingern fummelte er den Haustürschlüssel aus seinen nassen
Hosen und öffnete die Tür.
Zwei Gaslampen gaben flackerndes Licht und in diesem Dämmerlicht
erkannte Kurt sofort, daß hier nicht mehr viel zu retten
war. Das Wasser ging ihm jetzt bereits bis über die Hüften
und er vermutete, daß es nicht mehr lange dauern würde,
bis es höher als zwei Meter stand.
Er rief nach Vater Friedrich und als der antwortete wußte
Kurt, daß ihm nicht nur nichts passiert war, sondern, daß
der Alte obendrein auch noch stinksauer war.
"Wullt ji mi hier denn heel alleen versupen laten ?" tönte
die Antwort aus der Küche, Vater Friedrich hockte mit angezogenen
Beinen auf der Anrichte. Der Kater lag klatschnaß und zitternd
neben der Kaffeemühle.
"Kümmer di üm dat Vehwark", war die nächste Anweisung an
Kurt.
"Toeerst halt wi Di hier mal rut!" Kurt schob ein paar Einmachgläser
und Töpfe zur Seite, die ihm entgegen schwammen, packte
Vater Friedrich am Arm und zog diesen über die Schulter.
Den Alten Huckepack ertastete er sich vorsichtig den Weg
nach draußen, bis zur Treppe am Deich. Dort setzte er ihn
ab, packte unter seine linke Achsel und zog den Alten nach
oben auf die Deichkrone. In dem Sturm hatte man das Gefühl
der Wind käme von allen Seiten. Die Gischt spritzte in schmutzigen
Flocken über den Deich. Er setzte den Alten auf der Innenseite
des Deiches ab und stolperte die Treppe wieder hinunter.
Im Schuppen hinter dem Haus wurde das Poltern immer lauter
und als er neben dem Koben stand sah er, daß das Kalb und
die Schafe bereits wild hin und her schwammen, soweit Ihnen
der Schuppen Platz dazu ließ. Die Kuh stierte ihn mit weit
aufgerissenen Augen an und zerrte an der Kette, stand aber
noch auf festem Boden. Er nahm sich die Halteseile von der
Wand, öffnete den Verschlag und knotete jedem Schaf ein
Seil um den Hals. Dann griff er sich das Kalb und zerrte
die Tiere hinter sich her zur Deichtreppe. Oben angekommen
drückte er Vater Friedrich die Taue in die Hand und war
schon wieder auf dem Weg nach unten.
Die Kuh versuchte sich zu drehen und zerrte heftig an dem
Seil, daß um ihren Hals lag und mit der Kette verknotet
war. Kurt versuchte sie mit einem Schlag in den Bauch dazu
zu bringen weiter nach vorne zu gehen, damit er den Koten
lösen konnte, aber die Kuh drängte in ihrer Panik immer
weiter nach hinten. Mit steifgefrorenen Fingern versuchte
Kurt den Knoten zu lösen, aber je mehr die Kuh zog, desto
fester zog sich der Knoten zusammen. Seine Beine waren schon
bis zu den Hüften ohne Gefühl und die Aufregung und die
Kälte jagten einen Kälteschauer nach dem anderen durch seinen
Körper. Er sah sich nach einem Werkzeug um, mit dem er das
Seil zerschneiden konnte, aber außer einem Brecheisen, daß
er tags zuvor auf einen Balken gelegt hatte war in der Dunkelheit
nichts auszumachen. Mittlerweile stand der Kuh das Wasser
bis zum Hals und es würde keine zehn Minuten mehr dauern,
bis sie ertrunken war.
Er griff sich das Brecheisen und versuchte den Eisenring
in der Wand aus der Verankerung zu lösen, aber in der Dunkelheit
konnte er das Brecheisen unter Wasser nicht richtig ansetzen.
Mit tauben Händen wollte er ins Haus um sich ein Messer
zu besorgen, als er merkte, daß sein rechter Fuß festsaß.
Das Wasser stand im bis zu den Achseln und unterhalb der
Hüfte spürte er gar nichts mehr. Er versuchte mit einer
Drehung nach links den Fuß zu befreien, aber ergebnislos.
Er zog das Bein an und ein wenig hob sich der Fuß, aber
er saß immer noch fest. Kurt dachte einen kurzen Moment
lang, ob hier denn wohl nun das Ende seiner Reise gekommen
wäre und, ob er hier am Ende der Insel jämmerlich ersaufen
sollte.
Er holte tief Luft, ging in die Hocke und tastete nach dem
Ding, daß ihn hier festhielt. Als er wieder auftaucht wußte
er, daß er mit dem Fuß in den Speichen seines alten Fahrrades
festsaß. Er griff in die Hosentasche, wickelte sich sein
Taschentuch um die Hand, tauchte abermals ab und riß mit
aller Gewalt einige Speichen aus dem Rad, bis er seinen
Fuß daraus befreien konnte.
Die Kuh gab jetzt kein Lebenszeichen mehr von sich und Kurt
vermutete, daß er hier wohl nichts mehr ausrichten konnte.
Er ging noch einmal durchs Haus, um vielleicht doch noch
irgend etwas zu retten, was sich jedoch als sinnlos erwies,
zog die Haustür hinter sich zu und kletterte zu Vater Friedrich
auf den Deich.
"Wat mackt wi mit denn Vehwark?" bellte der ihm durch den
Sturm entgegen.
Erst jetzt bemerkte Kurt, daß er immer noch das Brecheisen
in der Hand hielt. Er nahm Vater Friedrich die Seile aus
der Hand, führte die Tiere zum nahegelegenen Vogelwärter
Häuschen, daß oben in den Dünen lag und hebelte mit dem
Brecheisen die Tür auf. Hier stand sein Vieh bis morgen
warm und trocken und warum er hier eingebrochen war konnte
er dann immer noch erklären.
Zurück bei Vater Friedrich sah er, daß der Alte im Gras
saß, sich die Schuhe ausgezogen hatte und seine Strümpfe
auswrang.
"De Gaslamp brennt noch" knurrte der Alte
"Lot se brenn," erwiderte Kurt, "wenn dat Water stiggt,
geid se von alleen ut."
"Hest Du denn de Döör afschluten" meckerte der Alte weiter.
"Dien Sorgen wull ick wohl hebben, we möt seen dat wie nan
Dörp rin kommt, dat Water stiggt as jümmers sünst un de
Padd is ok all ünner Water."
Die Hetzerei hatten Kurt vergessen lassen, daß er von Kopf
bis Fuß klatschnaß war. Und, so wie wieder Leben in seine
Beine kam, kamen auch die Schmerzen und die Kälte wieder.
Sie mußten zusehen, daß sie so schnell wie möglich ins Dorf
zurück kamen. Es blieb ihnen nichts weiter übrig als durch
die Dünen zu gehen. Das war zwar sehr beschwerlich und mit
dem Alten bestimmt keine Freude, aber der Vollmond spendete
genügend Licht um einigermaßen ungefährdet das Dorf zu erreichen.
Nach einigen Hundert Meter erreichten sie einen alten Wehrmachts-Bunker,
in dessen versandeten Einstieg sie ein paar Minuten ausruhen
konnten. An der Radarstation stiegen sie über den Stacheldrahtzaun
und kauerten sich an die windgeschützte Seite der Mauer.
Vater Friedrich zitterte aus Leibeskräften und wenigstens
jetzt war er zu erschöpft um auch nur einmal über irgend
etwas zu meckern. Nach fünf Minuten rüttelte Kurt den Alten
an der Schulter, aber Vater Friedrich schüttelte nur den
Kopf. Er wollte einfach nicht weiter. Ohne weiter auf den
Alten zu achten zerrte Kurt ihn vom Boden hoch und schubste
ihn die schmale Auffahrt hinunter. Das Eingangstor bog er
soweit auf, daß sie beide hindurchschlüpfen konnten und
zehn Minuten später standen sie bei Hinni vor dem Haus und
klopften an die Eingangstür.
Als Kurt das überheizte Wohnzimmer betrat erwischte ihn
die Wärme wie ein Hammerschlag, wie in Zeitlupe verengte
sich sein Blickfeld, bis nichts mehr übrig war als tiefes
Schwarz.
Als er wieder erwachte stach ein scharfer Geruch in seine
Nase. Hinni hatte ihm die Jacke und die Hemden ausgezogen
und rieb seinen Oberkörper mit dem 56 prozentigen ab, den
er sich im letzten Sommer von Helgoland mitgebracht hatte.
Vater Friedrich, der am Ofen saß, lamentierte, daß der Junge
sich schon wieder von allein erholen würde und Hinni sollte
den guten Schluck nicht dafür verschwenden dem Kerl die
Brust damit einzureiben, sondern lieber ihm, der schließlich
entsetzlich durchgefroren war einen Grog davon zubereiten.
Nun, Kurt erholte sich schnell wieder, Vater Friedrich hatte
am nächsten Tag einen ausgewachsenen Kater, weil eben Grog
von 56 prozentigem ganz schön in die Birne steigt, die Kuh
war ertrunken und das Kalb und die Schafe mußten dann doch
noch geschlachtet werden, weil sie sich eine Nierenentzündung
geholt hatten. Nur die Gänse und die Hühner fanden sich
nach einigen Tagen wieder ein und Kurt ist bis heute davon
überzeugt, daß sie wohl mit dem Sturm nach Wilhelmshaven
getrieben worden sind, es ihnen dort aber zu lanweilig gewesen
wäre und überhaupt nicht gefallen hätte und sie gerade deshalb
auch so schnell wieder zu ihm zurück gekommen wären.
So war das wohl im Februar 1962.
Heino Plagenz 1997
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